PARISTICHE Der
Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. “Hier sind wir
alle Bürger des Eiffelturms”, verkündete ein Redner bei
der Pariser Weltausstellung 1889, wo sich der neu erbaute Eiffelturm über
dem Haupteingang spreizte. Der Turm symbolisierte den Triumph der französischen
Revolution, der Dritten Republik, des industriellen Zeitalters —
er symbolisierte vor allem Frankreichs Vitalität als Nation und Frankreichs
Macht als Imperium. Keine europäische Nation wird so außerordentlich
und so weitgehend mit einem Bauwerk in Verbindung gebracht. Der Turm verkörpert
die krassesten Aspekte einer Weltkultur des Tourismus, die das Französische
auf etwas leicht Verständliches reduziert, ähnlich wie die Baskenmütze,
das Baguette, und Pepe le Pew. Aber der Turm verkörpert viel mehr
als nur das Französische oder die Kultur des Tourismus oder die Kultur
der massenproduzierten Romantik. Der Turm ist zur Wucherung seiner eigenen
Abbildungen geworden. Seit über einem Jahrhundert schreibt das Reich
an die Metropole über sein prächtigstes, zweckfreiestes Symbol.
Das allgegenwärtige Bild des Turms ist eine Art Kurzschrift für
die Schwierigkeiten und die Schönheiten der Globalisierung. Der Turm,
wie dieses Buch zeigt, ist nicht nur ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen
Stätten der Kultur, es ist ein Gewebe von Bildern aus unzähligen
Stätten der Kultur. Wie die Ausstellung,
die er begleitete, wurde der Turm gebaut um zu verkünden, dass die
Welt Paris gehörte, aber es wurde bald deutlich, dass Paris auch
der Welt gehörte — viel zu sehr für den Geschmack einiger
Pariser. Die “Anwesenheit tausender Ureinwohner der Kolonien an
der Ausstellung sorgte selbst ernannte Überwacher der öffentlichen
Moral. Der Korrespondent einer sehr etablierten Pariser Zeitung schrieb:
‘Ich muss darauf bestehen, dass diese Einheimischen mit ihren lockeren
Sitten an der Grenze der Zügellosigkeit überwacht werden. Es
scheint, dass ihr Verhalten einem Übermaß an Unschuld entspringt.
Aber sie wären genauso interessant, wenn sie nicht ganz so unschuldig
wären.’”1 Die Ureinwohner wären selbstverständlich
nicht so interessant, wenn sie “nicht ganz so unschuldig wären.”
Eine Weltausstellung soll eben das Exotische, das Bedrohliche, das Neue
zeigen. Es waren tatsächlich eher die ehrgeizigeren Entwicklungsländer,
die die prächtigsten Pavillons in der Ausstellung bauten. Die großen
europäischen Monarchien wurden von der Ausstellung und dem Turm bedroht.
Britannien und Deutschland sahen ein wiederauflebendes Frankreich, das
sich von seiner Niederlage 1870 im Deutsch-Französischen Krieg wieder
erholt hatte, und sie sahen ein republikanisches Frankreich, das mit Zuversicht
das Gespenst der Pariser Kommune begraben hatte. Weder die Briten noch
die Deutschen haben einen nationalen Beitrag zur Weltausstellung geleistet.
Während die Regierung der Vereinigten Staaten nur eine armselige
Summe für ihren Pavillon beigesteuert hat, gaben die Länder
Süd- und Mittelamerikas verschwenderische Beträge aus, da sie
Paris als den natürlichsten Ort der Welt ansahen, um ihre Mündigkeit
zu verkünden. Mexiko baute den prächtigsten Pavillon der ganzen
Ausstellung; Argentinien folgte gleich dahinter. Bolivien, Nicaragua,
Chile, San Salvador, and und Santo Domingo hatten alle eigene Gebäude. Schon 1889 stand die
ganze Welt im Schatten des Turms. Von Anfang an
Das
Gedicht beginnt mit einem Willkommensgruß an die Welt und endet,
indem es sich und den Turm in eine gigantische, französische Beschimpfung
der Deutschen verwandelt. Geschrieben an der Front im Ersten Weltkrieg
konnte Apollinaire den Universalismus des Turms beschwören, während
er gleichzeitig den traditionellen Feind brüskierte. Der Turm war
immer ein eindeutiges Symbol des Nationalismus und ein ambivalentes Symbol
des Internationalismus. In seinem Essay über
den Eiffelturm erzählt Roland Barthes die berühmte Geschichte
Maupassants, der im Turm seine Mahlzeit einnahm, einfach nur um der Allgegenwart
des Turms als Wahrzeichen von Paris zu entkommen. “Es ist wahr”
schreibt Barthes, “dass man unendliche Vorsorgemaßnahmen in
Paris treffen muss, um den Eiffelturm nicht zu sehen.”2
Paris Partout zeigt, dass es auch wahr ist, dass man unendliche Vorsorgemaßnahmen
treffen muss, um den Eiffelturm nicht überall in der Welt zu sehen.
Der Turm, Barthes zufolge, “gehört zur universellen Reisesprache.”
Der Turm ist universell erkennbar, was die Gestalter der Exposition Universelle
sicherlich ersehnt hatten, doch die Allgegenwart des Turms erzeugt viele
Bedeutungen in vielen Zusammenhängen. Der Turm mag eine “universeller
Code” sein, wie Barthes nahe legt, aber ein Code bleibt immer noch
ein Code —er muss entschlüsselt werden. Als Code stellt der
Turm sowohl die Gewinne, und wie auch die Verluste dar, die mit dem kulturellen
Verschmelzen einer immer kleiner werdenden Welt einhergehen. Wie diese
Gewinne und Verluste entziffert werden, wird von der jeweiligen Position
im globalen Markt der Ideen, Bilder und Körper abhängen. Wenn der Turm nun den
globalen Austausch in Bildern verkörpert, dann steht er nichtsdestotrotz
entschieden gegen die Vorherrschaft der Amerikaner in diesem Austausch
im 20. Jahrhundert. Einer der schwerwiegendsten Vorwürfe der Unterzeichner
des Manifests, die den Turm verdammten, war, dass nicht einmal das “kommerzielle
Amerika” [commerciale Amérique] eine solch menschenverachtende,
mechanistische Gestaltung tolerieren würde. In gewisser Weise hatten
die Gegner Recht. Amerika würde immer zu zweckmäßig für
ein Projekt wie den Eiffelturm sein. Amerikas hohe Gebäude würden
Büros, nicht leeren Raum enthalten. Innerhalb der modernen Gesellschaft des Spektakels Kultur des Schauspiels hat der Turm unmittelbar von der Kontroverse, die er erzeugt hat, Nutzen gezogen. Eine Anzahl prominenter Künstler einschließlich Maupassant und Dumas haben das Manifest, das den Eiffelturm verurteilte, unterzeichnet. In einem Schreiben an einen anderen Minister der Regierung, der sich fragte, wie er auf das Anti-Turm-Manifest reagieren sollte, schrieb Edward Lockroy, der für die Weltausstellung von 1889 verantwortlich war: „Bitte akzeptieren Sie die Beschwerde und behalten Sie sie. Sie sollte in einem Schaukasten in der Ausstellung gezeigt werden. Solch schöne und edle Prosa muss die Besucherscharen interessieren, und sie vielleicht sogar erstaunen.“_ Nostalgischer Ästhetizismus
konnte nicht langsam fortschreiten. In dem neuen Zeitalter konnte es nicht
so etwas wie schlechte Werbung geben. Die Einstellung gegenüber dem
Turm war eine direkte Reflektion der eigenen Einstellung gegenüber
der Moderne. Gertrude Stein zum Beispiel benutzt in ihrem Buch Paris,
France den Eiffelturm als Hauptsymbol der Moderne und ihrer charakteristischen
Wurzellosigkeit: “Alices
Toklas sagte, die Frau der Cousine meiner Großmutter hat mir erzählt,
dass ihre Tochter den Sohn des Ingenieurs geheiratet hat, der den Eiffelturm
gebaut hat, und sein Name war nicht Eiffel. Als
wir ein Buch in Frankreich drucken ließen, haben wir uns über
das schlechte Ausrichten beschwert. Ah, erklärten sie, das passiert
weil sie jetzt Maschinen benutzen, und Maschinen sind zwangsläufig
ungenau, sie haben nicht die Intelligenz der Menschen, der menschliche
Geist korrigiert die Fehler der Hand, aber eine Maschine – natürlich
gibt es da Fehler. Der Grund, warum wir alle ganz natürlich begannen
in Frankreich zu leben, war, dass Frankreich wissenschaftliche Methoden,
Maschinen und Elektrizität hat, aber es glaubt nicht wirklich daran,
dass diese Dinge etwas mit dem wirklichen Leben zu tun haben. Leben ist
Tradition und menschliche Natur. Und so, zu Beginn des 20. Jahrhunderts,
als ein neuer Weg gefunden werden musste, brauchten sie automatisch Frankreich.“4 Amerika und Frankreich,
wie Stein gerne bemerkte, waren wirklich die einzigen zwei modernen Länder.
Der Unterschied zwischen Amerika und Frankreich war, dass die Amerikaner
ständig von Wissenschaft und Technologie erwarteten, „das wahre
Geschäft des Lebens“ zu verändern. Im Gegensatz waren
die Franzosen sogar moderner, denn sie instrumentalisierten ihre Erfindungen
nicht. Amerikaner könnten glauben (might believe), dass Maschinen
schließlich Menschen ersetzen könnten; die Franzosen würden
das niemals glauben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als nach einer neuen
Art des Lebens gesucht wurde, fungierte natürlicherweise der Eiffelturm
als ein ideales Model. Leben konnte „Tradition und menschliche Natur“
sein wie es auch gleichzeitig absolut modern sein und Tradition und menschliche
Natur transzendieren konnte. Wie Stein und andere
Modernisten wußten, ist der Turm ein Symbol weltweiter Simultaneität.
Um 10 Uhr am 1. Juli 1913 wurde das erste weltweit ausgestrahlte Signal
von dem Turm gesendet. Die Weltstandardzeit war geboren. Wie so vieles
andere in der Regelung weltweiter Angelegenheiten wurde die Weltstandardzeit
von Frankreich und England vorgegeben. Der Historiker Richard Kern bemerkte,
daß „wenn der Nullmeridian auf englischem Boden angelegt sein
sollte, zumindest die Einführung der Weltzeit in Frankreich stattfinden
würde.“5 Um den symbolischen Verlust gegenüber Greenwich
wettzumachen, veranstaltete Paris die Internationale Konferenz zur Zeit
1912; von da an wurde sogar die Form der Zeit von den großen Reichsmächten
bestimmt. In dem gleichen Jahr, in dem die Weltstandardzeit auf dem Turm
geboren wurde, monumentalisierte Blaise Cendrars den Turm in seinem Gedicht
Die Prosa des Trans-Sibirischen. 150 Kopien des Gedichts sollten gedruckt
werden, jede Kopie würde zwei Meter lang sein. Ingesamt wären
die Gedichte 300 Meter lang, und damit genauso hoch wie der Turm. In den
der unteren linken Ecke des Gedichts ist ein kleiner Turm. Das Gedicht
schließt damit ab, dass es sich selbst in Paris ansiedelt: „Paris:
Ville de la Tour unique du grand Gibet et de la Roue.“ „Paris:
Stadt des unvergleichlichen Turms, des großen Galgens und des Rads.“
Der unvergleichliche Turm kann nur mit zwei Folterinstrumenten verglichen
werden. Der moderne Mensch kann von dem linearen Galgen gehängt oder
auf dem halbrunden Rad an der Ausgangsebene des Turms gestreckt werden.
Vielleicht sollen wir uns gerne von dem schönsten und kompliziertesten
aller Folterinstrumente quälen lassen. Wie die französische
Nation im allgemeinen, ist der Turm ein Wunderwerk effizienter Ineffizienz.
Der Turm ist das perfekte Symbol eines Reiches, das niemals ganz so stabil
und unerbittlich war wie seine britischen und amerikanischen Gegenspieler.
Der Turm bietet so etwas wie eine Erinnerung an die Anmaßung der
fortgeschrittenen europäischen Gesellschaften; es ist ein kühnes
industrielles Denkmal in einer Gesellschaft, die nicht in der Lage war,
sich so schnell so zu industrialisieren wie ihre Kontrahenten. Der Universalismus
des Turms findet sich in seiner Verpflichtung gegenüber den Idealen
des Fortschritts, und doch wurde der Turm eine Ikone der Nostalgie. Er
preist sein eigenes Eingebundensein an, ganz ähnlich wie die extrem
zentralisierte Verwaltung des französischen Reichs. Staatsangehörige
aus den Kolonien mußten die französische Staatsangehörigkeit
annehmen und am Pariser Kulturleben in einem viel stärkeren Maße
teilnehmen, als ihre britischen Pendants am Londoner Kulturleben teilzunehmen
hatten. Die weltweiten Ideale des Reiches waren, natürlich, in der
Praxis niemals so universell wie sie sich in der Theorie gestalteten.
Toussaint L'Ouverture und Napoleon haben sich beide auf die Menschenrechte
berufen. Wie sich herausstellte, schliessen die Menschenrechte Sklaven
nicht mit ein. In Anbetracht der Tatsache,
dass alle Fotos in diesem Buch eine einfache Bedingung einhalten, geben
sie eine erstaunliche Vielzahl von Szenen, Charaktern und Interaktionen
wieder. Trotz der erstaunlichen geographischen Bandbreite haben die Bilder
eine Anzahl von Merkmalen gemein. Der Turm ist fast immer ein Symbol des
Bekannten, ein Symbol des Willkommens. In der Mehrzahl der Bilder wird
der Turm als Marketing-Logo benutzt. Das Bild des Turms (alas) (ach -?)
wurde (leider) urheberrechtlich von der halbprivaten Firma geschützt,
die den Turm betreibt. Nichtsdestrotrotz, das Bild des Turms (oder genauer
seine Bilder) wird immer jedem gehören, so lange man eine Kopie kaufen
oder herstellen kann. In einem meiner Lieblingsfotos wartet eine gut-genährte
Frau außerhalb Grand Central Station in New York City und trägt
(oder rollt) eine Las-Vegas-Tasche. Angenommen, dassDa Las Vegas seine
eigenen Nachbildungen der Grand Central Station und des Eiffelturms hat,
hätte das Foto genauso gut in Las Vegas aufgenommen sein können.
Die Ziele sind austauschbar. In Kosagoue bekommt der Turm Auftrieb, wenn
er ein World Trade Center, ein Empire State Building und ein Chrysler
Building zu Zwergen macht. Amerikanisierung mag unausweichbar sein, aber
ihr kann auf unzählige kleine Arten widerstanden werden. Vor allem vielleicht zeigt Paris Partout, dass die Welt eine Nachahmung von Paris ist, und Paris ist eine Nachahmung der Welt. Theodor Adorno und Max Horkheimer schrieben einmal, daß „Humanität immer mehr in Frankreich als irgendwo anders zu hause war. Aber die Franzosen selbst waren sich dessen nicht bewußt.“6 Das zwanzigste Jahrhundert zeigte, dass Paris immer nur eine von zahllosen Stätten der Kultur sein wird. Paris ist der Geburtsort der Photographie, der Collage, der Nachahmung und des kulturellen Synkretismus, der die Moderne und die Avant-Garde erzeugt hat. Das sind die Geschenke Paris' an die Welt, aber Paris schuldet der Welt mehr als es jemals zurückzahlen kann. In Bezug auf Blut und Arbeit und Ideen hat Paris viel von der Welt genommen. Während des zwanzigsten Jahrhunderts war Paris, mehr als jede andere Stadt, dieser merkwürdig widersprüchliche Ort, das „Heim des Auswanderers“. In vieler Hinsicht entwickelt sich der gesamte Erdball zu einem unendlichen Komplex von Auswandererheimen. Der Eiffelturm mag ein Symbol der Hoffnung und des kulturellen Austauschs sein, aber der Turm ist auch ein Symbol der Immobilität und Armut der Mehrheit der Weltvölker. Die Besitzlosen der Welt fetischisieren das Bild des Turms zum Teil, weil sie nur immer davon träumen werden, ihn persönlich zu sehen. 1999 wurde ein UNESCO Manifest zum Weltfrieden auf dem Turm verkündet. Mehr als 75 Millionen haben dieses einfache Dokument unterschrieben. Was auch immer für eine Wirkung ein solches Manifest haben könnte, es beschreibt die anhaltende Rolle des Eiffelturms als ein Symbol von etwas beruhigend mehr als Französischem und etwas schmerzlich weniger als Universellem. 1Joseph Harris, The Tallest Tower: Eiffel and the Belle
Epoque (Boston: Houghton Mifflin, 1975), 134. |